Donnerstag, 23. Oktober 2014

Die guckt aber komisch

JETZT EN VOGUE: DAS FRATZENGESICHT
"Guck doch nicht so blöd", sagt meine Mutter immer, wenn wir ein Familienfoto machen. Ich schneide für solche Bilder gerne absichtlich Grimassen, einfach, weil es Spaß macht, ein freundliches Lächeln langweilig wäre und ja hinterher auch jeder erkennen soll, wer von uns vier Gestalten das jüngste und entsprechend unreifste Familienmitglied ist. Ich habe ein ganzes Repertoire an schauderhaften Fratzen im Angebot, die ich dank intensiven Trainings jederzeit aus dem Stand performen kann. Manchmal, wenn ich abends spät nach Hause komme und zu faul bin, ins Bett zu gehen, stelle ich mich eine Weile vor den Badezimmerspiegel, zupfe Barthaare, unterhalte mich mit meinen Augenbrauen und schneide die schönsten Grimassen seit Pumuckl. Das ist mein persönliches GSV, Geheimes Single Verhalten, aufgeschnappt bei "Sex and the City". Carrie liest dabei gerne im Stehen Modemagazine und snackt simultan Cracker mit Traubengelee. Ich übe ungestört verstörende Gesichtsausdrücke. Jetzt ist es raus.

Montag, 20. Oktober 2014

Schlaghosen sind wie Schlagsahne

DIE BRANDNEUE KLASSIKER-KOLUMNE AUF C'EST CLAIRETTE


Neulich habe ich mir ein Oberteil gekauft, in dem ich aussehe wie eine Figur aus der Sesamstraße. Es ist blau, aus Jeansstoff, gefranst, asymmetrisch geschnitten, hat ein Vermögen gekostet und setzt  alle Regeln des guten Geschmacks außer Gefecht. Ich musste es haben, es war so schön anders. Mal was Neues. Nach diesem Motto versuche ich immer wieder meine irrationalen Einkäufe zu rechtfertigen. Viel Geld für etwas total Ausgefallenes auszugeben ist meiner These nach nichts weiter als schlaues Investment in eine brillante Innovation, kurz bevor sich die Massen darauf stürzen. 

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Musikrubrik #35: One Man Show

FRISCHES KLANGMATERIAL FÜR EINZELTÄNZER UND ANDERE VERRÜCKTE


Vorhin saß ich am See im Central Park und las die New York Times. Die Sonne stand tief über den gold gefärbten Laubbäumen, auf dem Wasser dümpelten kleine ferngesteuerte Segelboote, aus der Ferne schallte spanische Gitarrenmusik herüber. New York ist gar nicht so anstrengend, wie alle sagen - solange man nur gelegentlich mal Broadway und 5th Avenue meidet und sich zu den Vögeln in den Park gesellt. Ich hatte mich gerade auf Seite 16 zum Thema ISIS warmgelesen, als sich plötzlich ein Schatten über das Zeitungspapier schob. Vor mir stand ein burmesischer Mönch im orangefarbenen Gewand. Wortlos griff er nach meinem Handgelenk, zog mir ein Armband aus billigen Holzperlen über und drückte mir eine goldene Vignette mit der Abbildung eines blumengeschmückten Buddha in die Hand. Dann hielt er mir einen Schreibblock mit birmanischen Schriftzeichen unter die Nase. 

Dienstag, 14. Oktober 2014

Spitzenmädchen

GARANTIERT OHNE GARDINEN-FLAIR: DIE NEUEN SPITZENKLEIDER 
Tibi S/S 2015
Investigativjournalismus vorm Kleiderschrank: wie viele Spitzenkleider besitze ich? Antwort: gar keins. Das muss einen Grund haben. Die Frage nach dem Spitzenanteil an meiner Garderobe mag trivial klingen, und sicherlich gibt es wichtigere Rätsel, mit denen man sich beschäftigen könnte, aber heute wollen wir uns mit dem Spitzenkleid befassen. Schließlich leben wir in Zeiten ausschweifender Feminismus-Debatten, und da kommt dieses besondere Material als Forschungsobjekt gerade gelegen. Wenn man genau hinsieht, und das wird der/die aufmerksame Leser/in nach diesem Artikel hoffentlich tun, dann wird deutlich, wie viel gender-politischer Diskussionsstoff im Spitzenkleid steckt. 

Samstag, 11. Oktober 2014

Heiliges Frühstück

IM KAMPF GEGEN DAS AUSARTEN DER BRUNCH-KULTUR
© Hannah Whitaker
Wenn es in New York etwas gibt, das mich wirklich fertig macht, dann ist es die Brunch-Kultur. Ich komme mit dieser Mahlzeit nicht klar. Brunch bedeutet technisch gesehen die Zusammenlegung von Frühstück und Mittagessen - beides kulinarische Aktivitäten, mit denen man mich grundsätzlich immer locken kann. Überhaupt gehöre ich zu jenen Menschen, die eigentlich ständig essen können, selbst wenn sie gerade erst gegessen haben. 
Einmal war ich mit zwei Freundinnen in Istanbul. Wir gingen abends hinunter an den Bosporus, um eines dieser fantastischen Fischbrote zu essen, die man dort direkt vom Grill bekommt: Seebarsch fangfrisch aus dem Fluss gefischt, mit Tomaten und Salat auf Weißbrot. Ich könnte mich reinlegen. 

Solch ein Sandwich ist gar nicht klein, aber weil es so köstlich war, sagte ich, nachdem wir aufgegessen hatten und gerade mit dem Genießen der Aussicht auf Istanbul beginnen wollten: "Und jetzt noch eins!" Ich sagte es in einem Tonfall heiterer Ironie, aber natürlich war der Vorschlag todernst gemeint. Keine meiner Mitreisenden war begeistert. "Nein danke", sagte T., "aber guten Appetit." Der Abend endete ohne weitere Mahlzeiten. So viel also dazu: ich kann wirklich immer essen. Natürlich tue ich das aus Gründen der gesellschaftlichen Konvention, dass mehr als ein Fischbrötchen pro Dinner unsittlich wäre, nicht. Auch die Wahrung meiner sportlichen Figur hält mich von größeren Schlemmereien ab. Ansonsten: immer her mit dem guten Essen.