Freitag, 24. April 2015

Essen ist auch eine Sehenswürdigkeit

AUF ZU NEUEN TELLERRÄNDERN: WIE MAN KULINARISCH DIE WELT ERKUNDET
© The Funnelogy Channel
Es war mitten in der Nacht, dunstige Schwüle betäubte die Luft, ein staubig-feuchter Hitzefilm klebte auf der Haut, im Bus hing ein süßlicher Duft von Jasminblüten, die in Girlanden an den Fenstern baumelten. Draußen zogen Müllhalden und Kuhherden vorbei, tausende Menschen waren auf der Straße unterwegs, dabei war es drei Uhr früh. Wann schlafen die Inder eigentlich? Wir waren auf dem Weg von Chennai nach Tiruvannamalai, einer kleinen Stadt im Norden von Tamil Nadu. Eine Strecke von knapp 200 Kilometern, für die wir fast fünf Stunden brauchten. Indische Busse lassen sich gerne Zeit. Entscheidend für den Verlauf unserer Reise durch die indische Wallachei waren allerdings die ständigen Teepausen, die stündlich eingelegt und ausgiebig in die Länge gezogen werden mussten. 

Montag, 20. April 2015

Berlin kann alles

UNTER ANDEREM GEDIEGEN SEIN
Eine Zeitlang habe ich gedacht, überhaupt nicht nach Berlin zu passen. Man hat von dieser Stadt ja ein bestimmtes Bild im Kopf, geprägt von vielen Berichten begeisterter Reporter, die Berlin aus der Perspektive einer Airbnb-Wohnung in Friedrichshain kennen gelernt und sich während ihrer Forschungsreise vor allem zwischen Berghain, Kottbusser Tor, The Barn und Do you read me!? aufgehalten haben. Das war jedenfalls das Bild, dass ich von Berlin hatte, als ich hierher zog: eine graue Stadt mit viel Plattenbau und Graffiti, düsteren Techno-Gruften, Cafés im Industrie-Ambiente und avantgardistischen Buchläden an jeder Straßenecke. Wenn man in eine neue Stadt kommt, möchte man sich in das Bild, das man sich vorher von ihr gemacht hat, passgenau einfügen wie ein Musterschüler in das Klassenfoto. Passt man nicht hinein, fühlt man sich verlaufen. 

Freitag, 17. April 2015

Ist Rauchen immer noch cool?

ODER WAR ES NOCH NIE UNCOOL?
© Adam Katz Sinding
Was würde Holly Golightly eigentlich in der Hand halten, wenn sie nicht rauchen würde? Ich habe mich das beim Anschauen von "Breakfast at Tiffany's" oft gefragt, aber mir ist für ihren Glimmstängel einfach kein Alternativ-Utensil eingefallen. Es gibt ja auch wenig, was man eben so ohne besonderen Nutzen in der Hand halten kann und das einen trotz der totalen Nutzlosigkeit so ausnehmend charmant aussehen lässt. Die Zigarette hat keinen Nutzen, sie schadet nur, und doch steht sie Holly ganz ausgezeichnet, ebenso wie sie in den 60er Jahren anscheinend allen Leuten gut stand: Faye Dunaway in "Bonnie & Clyde", Paul Newman in "Der Clou", Marlon Brando, George Peppard, Marilyn Monroe, Marlene Dietrich. Alle Leute, die ich jemals toll fand, waren Raucher. Selbst habe ich nie geraucht, und obwohl ich mir vorgenommen habe, es auch in Zukunft bei dieser Praxis zu belassen, wird mich wohl Zeit meines Lebens die Frage beschäftigen, ob ich mich äußerlich und charakterlich zu einem anderen Menschen entwickelt hätte, ob ich vielleicht ein kleines bisschen mehr wie Holly Golightly oder Marlon Brando geworden wäre, hätte ich jemals mit dem Rauchen angefangen.  Worin besteht dieser unvergleichliche Charme des rauchenden Menschen? 

Montag, 13. April 2015

Aktivpause

DIE ETWAS ANDERE ART VON WELLNESS

Seit fast zwei Jahren wohne ich in einer Wohnung mit Badewanne, und erst neulich habe ich zum ersten Mal in dieser Wanne gebadet. Mir war kalt und ich fühlte mich gehetzt, also versuchte ich der Ruhelosigkeit mit einem nervositätsabbauenden Schaumbad in einer Viertelflasche SebaMed Sportdusche zu trotzen. Allein daran, dass ich mangels Badeöls, Badeperlen oder sonstiger Fachutensilien für die gewässerte Tiefenentspannung in SebaMed Sportdusche badete, wird erkennbar, wie wenig ich mich mit dem Aufenthaltsort Badewanne identifizieren kann. 

Freitag, 10. April 2015

Eine Handtasche in Beirut

AUS DEM REISETAGEBUCH EINER SCHWARZ-WEIßEN MINAUDIÈRE
Wenn ich in Beirut bin, möchte ich auf der Stelle Vespa fahren. In Beirut fahren alle Vespa, wenn sie nicht gerade Chevrolet, Porsche oder Klappertaxi fahre. Ich fahre auch gern Taxi, aber von der Ritze des Rücksitzes, in die ich immer so schnell hineinrutsche, ist die Aussicht schlecht. Mit der Vespa geht es querfeldein, im Zickzack über den Highway, ohne Helm. Das finde ich aufregend. Ich brauche auch keinen Helm, denn ich bin zwar Deutsch, aber aus solidem Metall gefertigt, mein Verschluss ist mit Leder bezogen, mir kann eigentlich nichts passieren. Nur einmal, da bin ich bei der Pariser Modewoche im Gedränge vor einer Show auf den Boden gefallen. Mein Gehäuse brauch auseinander. Nach einer Notoperation war ich schnell geheilt, aber eine kleine Schramme ist geblieben. Seitdem gehe ich nicht mehr gern auf Modenschauen. In Beirut finde ich es viel spannender. Ich sehe aus wie eine abendtaugliche Minaudière für Cocktailparties, dabei kann man mich wirklich überall mit hin nehmen. An den Strand, in die Berge, aufs Rockkonzert, in die Imbissbude. Ich bin eine Tasche zum Pferdestehlen.