Donnerstag, 26. Februar 2015

Artsy ist jetzt trendy

DIE NEUEN EINE-NASENLÄNGE-VORAUS-KLEIDER AUS NEW YORK UND LONDON
J.W. Anderson Winter 2015 © Lea Colombo/Dazed Digital
Der graue Betonklotz sieht ein bisschen aus wie eine umgekippte Treppe. Oder wie ein einstmals schön geformtes Stück Knete, aus dem aus Materialmangel nach und nach eine Scheibe herausgeschnitten wurde. Vorn ragt ein dreidimensionales, verglastes Trapez wie eine Furunkel aus der glatten Fassade. Wer dort oben hinter der Glasscheibe steht, hat einen guten Blick auf die Madison Avenue, Ecke 74th Street, Manhattan. Das Gebäude, das bis vor einem halben Jahr das renommierte Whitney Museum of American Art beherbergte, ist selbst ein Kunstwerk für sich. Die kantig-glatte Silhouette mit wohlplatzierten Irritationen, graue Bunkerklotzigkeit inmitten herrschaftlicher Uptown-Fassaden - keinen besseren Ort hätten sich Lazaro Hernandez und Jack McCollough für die Präsentation ihrer neuen Kollektion für Proenza Schouler aussuchen können.

Donnerstag, 19. Februar 2015

Die neue Protzigkeit

WARUM WIR MEHR AUTOS MIT FLÜGELTÜREN BRAUCHEN
Wir hier bei C'est Clairette hegen ja eine besondere Vorliebe für geschmacklose Dinge. Geschmack ist halt langweilig, das kann man an den auf "Freunde von Freunden" vorgestellten Wohnungen sehr gut erkennen. In diesen Berliner Altbauzimmern herrscht zu viel guter Geschmack. Ein Perlenvorhang hier, ein Plüschklodeckel da könnte als Statement mal nicht schaden, finde ich. Aber gut, die Berliner kaufen ihre Möbel eben gern bei Hay. Da ist alles pastellfarben oder grau, es gibt tolle Übertöpfe für die aktuell sehr modische Kaktuspflanze, außerdem ist vieles retro-inspiriert. Sowas gefällt den Leuten. 

Montag, 16. Februar 2015

Verführen, schwer gemacht

WAS MAN ZUM RENDEZVOUS WIRKLICH ANZIEHEN SOLLTE


Meine Damen, wie die Zeit vergeht! Eben war noch Weihnachten, jetzt schon Valentinstag. Die stressgeplagten Moderedaktionen der Hochglanzblätter kommen mit ihren Einkaufsempfehlungen für besondere Gelegenheiten kaum noch hinterher. Seit den Heiligen Drei Königen wurde mit aller Kraft auf den 14. Februar hingearbeitet - mit "7 Geschenkideen, die unsere Herzen wirklich höher schlagen lassen" (Journelles), "Ideen, die verzaubern" (Bunte.de), "Looks to love: Outfits für den Valentinstag" (InStyle), oder "14 Ideen from me to you" (This is Jane Wayne). Am 13. Februar erhielt ich aus der Presseabteilung eines bekannten deutschen Lingerie-Unternehmens die dringende Botschaft, jetzt sei es Zeit, sich auf den "heißesten Tag des Jahres" vorzubereiten, und zwar entweder "nice or naughty". 
Toll, diese Wort-und-Zahl-Spielereien. Wir hier bei C'est Clairette wurden vom unaufhaltsamen Heranrauschen des Valentinstags natürlich mal wieder völlig überrumpelt und haben daher zum Festtag des Unterwäschekaufens keinen quadratisch-praktischen Guide vorbereitet. Alternativ hätte ich einen Fünf-Punkte-Survival-Plan für Freitag den 13. anbieten können, aber sowas sucht bei Google wahrscheinlich auch keiner. 

Mittwoch, 11. Februar 2015

Jawbreaker und Kamelrudel

KULTUR-PSYCHOLOGISCHE ANALSE DER MODEKAMPAGNEN 2015
Gelegentlich bedauere ich es doch, einer Generation anzugehören, die das Fernsehen aufgegeben hat. Ich schaue nie fern. Das bedeutet nicht, dass ich stattdessen Nietzsche lesen, Beethoven hören oder komplizierte Gerichte aus dem Feinschmecker kochen würde. Wir Zwanzigjährigen sind nicht kultivierter geworden, bloß weil wir nicht mehr in die Röhre starren. Stattdessen gammeln wir in der virtuellen Welt. Facebook ist das neue RTL. Meine Großmutter findet das sehr traurig: jedes Mal, wenn ich mit ihr telefoniere, macht sie mich auf Formate wie "Das Waisenhaus für wilde Tiere" aufmerksam, die ich auf keinen Fall verpassen dürfte. Ich mache mir nichts aus Tiersendungen oder Afrika-Reportagen. Was mir beim Verlust des Fernsehens in meinem Alltag viel eher fehlt, sind die Werbepausen. Denn Werbung ist nicht blöd, sondern ein Abbild unserer kulturellen und gesellschaftlichen Identität.

Sonntag, 8. Februar 2015

Musikrubrik #37: Zum Abheben

FLIGHT FACILITIES MACHEN MUSIK FÜR ÜBER DEN WOLKEN

Flugreisen sind ja so oder so schon mal eine tolle Sache. Noch galaktischer finde ich den Lufttransport, wenn das Flugzeug über die Treppe betreten wird. Gangways sind doch doof. Über eine Treppe kann man dem blechernen Vogel viel würdevoller entgegen schreiten, sich dann oben vor Betreten der Kabine gemächlich umdrehen und mit einer pastoralen Handbewegung dem Volk zuwinken. Das Einsteigen über die flugzeugeigene Metallleiter ist mein persönlicher Staatsoberhaupt-Moment. Ich fühle mich dann wie Präsident Obama, selbst wenn mir kein Volk zujubelt, sondern bloß ein paar Männer in gelben Westen misstrauisch gucken, weil ich ihnen gerade staatsoberhauptliche Kusshände zuwerfe. Aber das ist mir egal. Ich betrachte mein Leben als Film, in dem ich Regisseur und Schauspieler sein darf. Wenn mir danach ist, ein Staatsoberhaupt beim Betreten einer Boeing 747 zu spielen, dann tue ich das.