Montag, 27. Oktober 2014

Fransenhut im Katzenkäfig

ZUM DINNER IN "KITTY'S CANTEEN": TEIL 2 DER SERIE "ABSEITS NEW YORK"
Bild via NY Times
Wer an einem Freitagabend in New York richtig ausgefallen essen gehen will, der sollte auf jeden Fall seinen EPS dabei haben - seinen Expressive Personality Suit. Das findet jedenfalls Richard Kimmel, Gastgeber des Restaurants Kitty's Canteen. Um als gutes Beispiel voranzugehen, hat sich Kimmel selbst heute richtig schön in Schale geworfen. Er trägt einen violetten Morgenrock mit Sanduhren-Print und ausladendem Pelzkragen. Um den Kopf hat er einen gestreiften Seidenschal geknotet, vor der Brust klimpern klobiger Schmuck und bedruckte Anhänger, auf der Nase sitzt eine lila Weltraumbrille. Der Mann sieht aus wie eine extravagante Puffmutti. Das Outfit passt zum Ambiente: wir sind hier schließlich nicht in irgendeinem Schuppen gelandet. Kitty's Canteen hat erst vor wenigen Monaten in der Bowery eröffnet, und bisher dürfte sich dorthin noch kaum ein Tourist verirrt haben. Denn in der Stanton Street Nummer 9 ist von außen nur eine schmuddelige Fassade mit zugezogenen roten Vorhängen hinter der Fensterscheibe zu sehen. Kein Schild. Kein Licht. Lebensweisheit Nummer 276: die aufregendsten Restaurants findet man immer noch hinter den unscheinbarsten Türen.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Die guckt aber komisch

JETZT EN VOGUE: DAS FRATZENGESICHT
"Guck doch nicht so blöd", sagt meine Mutter immer, wenn wir ein Familienfoto machen. Ich schneide für solche Bilder gerne absichtlich Grimassen, einfach, weil es Spaß macht, ein freundliches Lächeln langweilig wäre und ja hinterher auch jeder erkennen soll, wer von uns vier Gestalten das jüngste und entsprechend unreifste Familienmitglied ist. Ich habe ein ganzes Repertoire an schauderhaften Fratzen im Angebot, die ich dank intensiven Trainings jederzeit aus dem Stand performen kann. Manchmal, wenn ich abends spät nach Hause komme und zu faul bin, ins Bett zu gehen, stelle ich mich eine Weile vor den Badezimmerspiegel, zupfe Barthaare, unterhalte mich mit meinen Augenbrauen und schneide die schönsten Grimassen seit Pumuckl. Das ist mein persönliches GSV, Geheimes Single Verhalten, aufgeschnappt bei "Sex and the City". Carrie liest dabei gerne im Stehen Modemagazine und snackt simultan Cracker mit Traubengelee. Ich übe ungestört verstörende Gesichtsausdrücke. Jetzt ist es raus.

Montag, 20. Oktober 2014

Schlaghosen sind wie Schlagsahne

DIE BRANDNEUE KLASSIKER-KOLUMNE AUF C'EST CLAIRETTE


Neulich habe ich mir ein Oberteil gekauft, in dem ich aussehe wie eine Figur aus der Sesamstraße. Es ist blau, aus Jeansstoff, gefranst, asymmetrisch geschnitten, hat ein Vermögen gekostet und setzt  alle Regeln des guten Geschmacks außer Gefecht. Ich musste es haben, es war so schön anders. Mal was Neues. Nach diesem Motto versuche ich immer wieder meine irrationalen Einkäufe zu rechtfertigen. Viel Geld für etwas total Ausgefallenes auszugeben ist meiner These nach nichts weiter als schlaues Investment in eine brillante Innovation, kurz bevor sich die Massen darauf stürzen. 

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Musikrubrik #35: One Man Show

FRISCHES KLANGMATERIAL FÜR EINZELTÄNZER UND ANDERE VERRÜCKTE


Vorhin saß ich am See im Central Park und las die New York Times. Die Sonne stand tief über den gold gefärbten Laubbäumen, auf dem Wasser dümpelten kleine ferngesteuerte Segelboote, aus der Ferne schallte spanische Gitarrenmusik herüber. New York ist gar nicht so anstrengend, wie alle sagen - solange man nur gelegentlich mal Broadway und 5th Avenue meidet und sich zu den Vögeln in den Park gesellt. Ich hatte mich gerade auf Seite 16 zum Thema ISIS warmgelesen, als sich plötzlich ein Schatten über das Zeitungspapier schob. Vor mir stand ein burmesischer Mönch im orangefarbenen Gewand. Wortlos griff er nach meinem Handgelenk, zog mir ein Armband aus billigen Holzperlen über und drückte mir eine goldene Vignette mit der Abbildung eines blumengeschmückten Buddha in die Hand. Dann hielt er mir einen Schreibblock mit birmanischen Schriftzeichen unter die Nase. 

Dienstag, 14. Oktober 2014

Spitzenmädchen

GARANTIERT OHNE GARDINEN-FLAIR: DIE NEUEN SPITZENKLEIDER 
Tibi S/S 2015
Investigativjournalismus vorm Kleiderschrank: wie viele Spitzenkleider besitze ich? Antwort: gar keins. Das muss einen Grund haben. Die Frage nach dem Spitzenanteil an meiner Garderobe mag trivial klingen, und sicherlich gibt es wichtigere Rätsel, mit denen man sich beschäftigen könnte, aber heute wollen wir uns mit dem Spitzenkleid befassen. Schließlich leben wir in Zeiten ausschweifender Feminismus-Debatten, und da kommt dieses besondere Material als Forschungsobjekt gerade gelegen. Wenn man genau hinsieht, und das wird der/die aufmerksame Leser/in nach diesem Artikel hoffentlich tun, dann wird deutlich, wie viel gender-politischer Diskussionsstoff im Spitzenkleid steckt.