Dienstag, 30. Juni 2015

Eine Sonnenbrille in Berlin

ÜBERHEBLICHKEIT IST IHR BUSINESS

Meine Geschichte beginnt im Alten Rom. Rom liegt in Italien, da ist es sonnig und hell. Kaiser Nero ließ damals leidenschaftlich gern Gladiatorenkämpfe aufführen. Aber in diesen offenen römischen Sportstadien gab es wenig Schatten, und die Sonne blendete Nero. Also hielt er sich beim Verfolgen der Spiele grüne Smaragdsteine vor die Augen. So wurde ich geboren. 

2000 Jahre später sind wir Sonnenbrillen auf der ganzen Welt verbreitet, nicht nur im Sonnenland Italien. In Großstädten wie Berlin gedeihen wir ganz kräftig, selbst wenn Deutschland oft im Dämmerlicht liegt, sogar im Sommer. Irgendwie regnet es hier die ganze Zeit, dann ist es mal drei Tage heiß und schwül, meine Gläser beschlagen, und schon fängt es wieder an zu regnen. Aber weil Berlin ja eine so todschicke Stadt ist, tragen die Leute hier lieber Sonnenbrillen statt Regenjacken, selbst wenn es donnert und hagelt. Eine Sonnenbrille ist halt cool, eine Regenjacke nicht. Sorry, wir Sonnenbrillen sind nicht gerade bescheiden. Überheblichkeit ist unser Business. 

Mittwoch, 24. Juni 2015

Das Kleid

DER BANANENSPLIT IM KLEIDERSCHRANK
Gerade haben in London und Mailand die Männermodenschauen stattgefunden - ein Ereignis, dass ich von Saison zu Saison mit wachsender Spannung verfolge. Bei Christopher Kane gab es einen fliederfarbenen Anzug zu sehen, bei Gucci Blumenbroschen und Spitzenhemden, bei Ermenegildo Zegna rosa karierte Sommermäntel. Jedes Jahr wird die Männermode weiblicher - und damit auch gewagter. Mann kann heute einen schwarzen Anzug wählen oder ein lachsfarbenes Spitzenblüschen. Erlaubt ist, was das eigene Selbstbewusstsein zulässt. Eine Entwicklung, die man aus weiblicher Sicht besorgniserregend finden könnte; schließlich gilt die Modewelt traditionell als Hoheitsgebiet der Frauen. Hier dürfen wir schalten und walten und in fantasievolle Gewänder steigen, ohne dass man uns deshalb gleich für verrückt erklärt. Während Extravaganz unter Frauen ein weitestgehend etabliertes, ja sogar angestrebtes Phänomen ist, kann ein fliederfarbenes Sakko für einen Mann richtigen Stress bedeuten. Aber gut: Mann kann eben nicht alles haben. Männer können schneller laufen als Frauen, dafür können wir uns interessanter anziehen. Ist doch fair, oder nicht? Ich persönlich finde es gar nicht verkehrt, wenn wir Frauen die Paradiesvögel bleiben, während sich die Herrenwelt optisch höflich im Hintergrund hält. Ich kenne schon genug Männer, die ständig im Mittelpunkt stehen wollen. 

Freitag, 19. Juni 2015

Freiwillig am Boden

BITCH I'M MADONNA: VON DER KUNST DER SELBSTENTLARVUNG
Madonna hat einen neuen Song herausgebracht, er heißt "Bitch I'm Madonna". Der Sound ist nicht neu, auch das Video glaubt man auf den ersten Blick irgendwie schon gesehen zu haben. Wie man es von Madonna kennt, wird auch hier wieder viel geturnt, getanzt und geturtelt. Unmöglich angezogen ist sie ebenfalls. Aber man sollte genau hinschauen. 

Donnerstag, 18. Juni 2015

Gesundheitsküche

ESSEN IST ZU EINER KLINISCHEN ANGELEGENHEIT GEWORDEN
Neulich habe ich im Berliner Restaurant Dóttir zu Abend gegessen. Über dieses Lokal erzählt man sich, es sei das neue Grill Royal. Letzteres gilt ja bekanntlich als Eldorado von Schauspielern, Medienmogulen und anderen wichtigen Menschen. Auf der Karte stehen hier Sachen wie "1kg geröstete Garnelen mit Aioli", "Pulpo klassisch oder sardisch" oder Black Angus Steak mit Rotweinjus. Ich habe noch nie im Grill Royal gegessen, aber ich habe den Eindruck, dass man dort satt wird. Das kann man vom Dóttir nicht unbedingt behaupten. Weil aber ins Grill Royal nicht nur Leute wie George Clooney, sondern auch viele modebewusste Frauen gehen, die den chronischen Anflug eines leichten Hungergefühls ja durchaus zu schätzen wissen, dürfte zumindest der weibliche Teil der Grill-Royal-Gemeinde bald zum neuen Restaurant konvertieren. So viel habe ich bei meinem Besuch im Dóttir jedenfalls feststellen dürfen: der Anblick einer gebratenen Mohrrübe kann unter jungen Berliner Frauen schon für Schnappatmung sorgen. Aber der Reihe nach.

Samstag, 13. Juni 2015

Macht Mode narzisstisch?

ODER NARZISSMUS MODISCH? 
Ich besitze kein weißes T-Shirt. Neulich fiel es mir auf: ich wollte ein Paar roter Seidenshorts mit weißen Herzen darauf anziehen. Dazu, dachte ich, würde doch so ein schönes weißes T-Shirt passen, wie es alle Frauen stapelweise in ihren Schränken horten. Aber ich fand kein weißes T-Shirt. Also zog ich kurzerhand eine Bluse mit gerüschten Ärmeln über und setzte dazu eine große Sonnenbrille auf. Reiner Zufall: eben hatte ich noch in ein unauffälliges Basic schlüpfen wollen, jetzt sah ich schon wieder aus wie eine Figur aus einer Disney-Sendung. Irgendwas läuft hier falsch, dachte ich: warum zum Teufel habe ich kein weißes T-Shirt im Schrank?