Dienstag, 31. Juli 2012

"Wild Spirit": Ponyreiten mit Daria Werbowy

All pictures: Cass Bird for ELLE France July 2012
Dass die französische ELLE tatsächlich eines Tages mal mit derartig ungeschminktem Realismus, wie  hier oben abgebildet, aufwarten würde, hätte ich nie gedacht, bis mir kürzlich dieses Editorial mit Daria Werbowy in die Hände fiel. Zu sehen ist das polnische Supermodel beim Dauerlauf oder Chill-Out in gänzlich glamourfreier Zone, nämlich irgendeinem namenlosen Waldgebiet inmitten nicht identifizierbarer Pampa. Es ist eine Fotostrecke von eigenartig anti-ästhetischer Ästhetik - irgendwie schön anzusehen, ohne schön sein zu wollen. Lady Daria, die wir sonst meist mit dunkel umrandeten Augen, verführerisch-zerwurschtelter, goldblonder Haarmähne und selten mehr als einem Bikini bekleidet zu Gesicht bekommen, trägt hier ungewohnterweise eine reichlich, nun ja, sportliche Kurzhaarfrisur, offensichtlich nicht den Hauch von Make-Up - und an Kleidung alles andere als Haute Couture, nämlich eine interessante Stil-Kombination aus Cowboy-Look und Pailletten-Glitzer.

Ich wage zu behaupten, dass diese Modestrecke mitunter das Beste ist, was mir im Bereich der Fashion-Fotografie in letzter Zeit so untergekommen ist. Besonders hübsch finde ich Daria Werbowy nicht. Die Frisur, die sie hier trägt, ähnelt in etwa meinem strähnigen Hairstyling nach härtestem Leichtathletik-Training bei 29 Grad Celsius Außentemperatur, oder nach einem windigen Spaziergang an der Außenalster. Die Augenringe und der etwas erschöpfte Schlafzimmerblick sind auch nicht zu übersehen, dafür joggt Daria immerhin in einem meerjungfraugrünen Bling-Bling-Overall durch wildwucherndes Farngebüsch; welch' ungewöhnlicher Anblick! Ebenso wenig wäre es mir übrigens in den Sinn gekommen, Isabel Marant's voluminösen Strickcardigan mit einem Batik-T-Shirt, stinknormalen Jeans und Lederstiefeln zu kombinieren.  Aber warum nicht? Diese Bilder, die so gar nicht zur oberflächlich-schillernden ELLE-Welt zu passen scheinen, wirken auf den ersten Blick erstaunlich unspektakulär und abgedroschen - dabei haben sie durchaus so einiges an Innovation zu bieten.

Natürlich ist ungeschminkter Minimalismus seit bereits vielen Jahren ein wichtiges Element der gegenwärtigen Modefotografie. Je größer der Kontrast, den das Bild eines bleichen Models hervorruft, das in edelster Couture an irgendeiner dreckstarrenden Hauswand lehnt, desto besser. Je edler die Mode, desto hässlicher die Location, so scheint bei vielen Art Direktoren oftmals der oberste Leitfaden für eine Modeproduktion zu lauten.

Die Fotografin Cass Bird hat mit besagtem Editorial unter dem Titel "Wild Spirit" jedoch eine ganz eigene Idee von modischer Anti-Ästhetik umgesetzt, die nicht primär Kontraste setzen will, sondern viel mehr das Bild einer Frauenfigur propagiert, die sich in erster Linie unbewusst und ohne viel Theater mit Mode und Stil auseinandersetzt, ohne dabei allzu dick aufzutragen. Daria Werbowy posiert  hier nicht in plissierten Seidenkleidern vor Graffitiwänden oder Autobahnbrücken, sondern lässt ganz nonchalant und selbstverständlich Lederweste und Gucci-Kleid, Paillettenhose und Base-Ball-Cap, Glitzerbody und Military-Jacke miteinander fusionieren - und zwar mitten im meditativ-idyllischen Ambiente eines Walderholungsgebietes. Die Mode wird nicht als geistloses Spektakel, sondern als schöner, jedoch nicht einziger Bestandteil des Alltags der modernen Frau von heute dargestellt, die außer Kleidung und Schuhen auch noch Weltbewegenderes im Kopf hat - oder einfach mal ausspannen möchte. Welch angenehmen Kontrast solche Urlaubs-Outfits zu den knallbunten Looks der perfekt gestylten Pariser Streetstyle-Königinnen darstellen, die mir mit ihren 14 Armbändern pro Handgelenk, Neonblumenblusen und pfirsichfarbenen Plisseekleidern mittlerweile doch ein kleines bisschen auf den Geist gehen.

Würde Daria Werbowy direkt vom Hochglanzpapier des ELLE-Magazins zu uns sprechen, so würde sie vielleicht sagen: "Wisst ihr was, ladies? Ich hab' eigentlich Besseres zu tun, als morgens drei Stunden vorm Spiegel zu stehen und mir zu überlegen, wie ich den Lagenlook heute mal besonders extravagant und kontrastreich umsetzen könnte. Ich zieh mir lieber meine Camouflage-Latzhose an und reite mit meinem Pony aus. Ist doch auch chic, oder nicht?"










Kommentare :

  1. dieses ungeschminkte gesicht ist dafür sehr maskulin hergemacht und das stört mich irgendwie. Das Foto mit dem goldenen Rock finde ich beispielshaft grandios nicht aber jene tiefhängende Hosen mit wuscheliger Männermähne. Ich finde die Elle kann gut und gerne bei ihrem weiblichem Ursprung bleiben!

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  2. Ich finde, eine willkommmene Abwechslung zu den überschminkten und am PC bearbeiteten Models, die man sonst (teilweise) so vorfindet.

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  3. Bei Deinem Blog lohnt sich das Lesen! Ich schaue fast jeden Tag vorbei, ob es etwas Neues gibt. Danke, dass Du uns Deine Ansichten auf diese unterhaltsame und intelligente Art und Weise mitteilst :)

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  4. fand die Strecke auch super und habe sie ebenfalls gepostet.
    Schönen Blog hast Du!

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