Dienstag, 7. August 2012

Von Weltraumtouristinnen und Roboterdamen

Peter Pilotto. Bild: via

Wenn man Mode heutzutage als futuristisch bezeichnet, so ist dabei häufig von Kleidung die Rede, die ebenso gut auch zum Grundrepertoire eines Weltraumtouristen oder gar eines besonders stylischen Roboters gehören könnte. Futurismus - damit assoziiert die Avantgarde der Modewelt metallische Oberflächen, digitalisierte Prints, kantige und strenge Silhouetten. Accessoires tauchen in Form von innovativ-praktikablen Rucksäcken aus LKW-Plane, oder kastenartigen, gezackt geformten High Heels auf, und die Models, die diese so außerirdisch anmutenden Kleider auf dem Laufsteg präsentieren, werden nicht selten mit überdimensionalen, stählernen Sonnenbrillen oder Masken komplett anonymisiert. Das ist keine Mode für das nette Mädchen von nebenan - sondern eher für die Catwoman der Zukunft, die starke, unbarmherzige Powerfrau, die die Welt vor dem Alien-Angriff aus dem Weltall schützen wird.

Ist das die Zukunft, wie wir sie uns heute vorstellen? Geprägt durch den stetig wachsenden Fortschritt von Wissenschaft und Industrie, sowie die Entwicklungen in Architektur, Kunst, Musik und Film ist auch die Mode offenbar dazu prädestiniert, in gar nicht allzu ferner Zukunft Teil des digitalen Zeitalters zu werden. Immer mehr Menschen organisieren ihren kompletten Alltag per Smartphone und Laptop, die Forschung denkt über Mikrochips nach, die eines Tages unter die Haut gepflanzt und damit Kreditkarte und Personalausweis ersetzen könnten, moderne Bauten ähneln heute manchmal eher Ufos als Gebäuden, in denen tatsächlich normale Menschen ein und aus gehen, Video-Installationen sind ein wichtiger Bestandteil zeitgenössischer Kunst geworden, und im Kino lassen sich Filme in 3D erleben - kein Wunder also, dass auch die Modedesigner mitziehen und für ihre iPhone-nutzende Kundschaft metallische, kühl und hart geformte Kleider entwerfen, die immer weniger mit klassischer Weiblichkeit oder Blümchen-Romantik zu tun haben, sondern viel mehr als Ausrüstung für eine ungewisse Zukunft dienen können.

Bei Proenza Schouler etwa gibt es für die kommende Herbst-Winter-Saison voluminöse Jacken mit Gitteroptik, glänzende Oberflächen und Stepp-Texturen zu sehen, Balenciaga hat den it-Pullover der Saison entworfen, aus Seide und mit SciFi-Comic-Aufdruck, die großflächige, stählern-schimmernde Sonnenbrille von Alexander McQueen stellt einen raffinierten Kontrast zu den opulent gefransten Kleidern in himbeerrot und pfirsichrosa dar, Peter Pilotto ist in diesem Jahr der unangefochtene Star der digitalen Fotoprints - mit blumigen Drucken, die wie Pflanzenwelten von einem fernen Planeten anmuten, und Farbverläufen von neongrün bis knallblau. Und Mary Katrantzou entführt uns mit opulent-explosiven Mustern und kubistischen Silhouetten in eine Art außerirdischen Weltraumbarock.

Doch solch eine Mode stößt nicht selten zunächst auf Unverständnis. Ich selbst beschwerte mich vor ein paar Wochen auf der Berliner Modewoche über die frostige Show von Hugo by Hugo Boss, in der die Models in perfekt geschnittenen, gänzlich schnörkellosen Kleidern mit eckigen Schulterpartien und cleanen Farbakzenten in hygienischem Grün oder artifiziellem Rosa über den Laufsteg marschierten, ausgestattet mit metallisch schimmernden Clutches. Das sei eine Mode, die uns Frauen wie böse Roboter aussehen lasse, eine Kleidung, die keinen Raum für persönlichen Stil und Individualität lasse, weil sie die Trägerin anonymisiere - wagte ich zu behaupten.

Aber: kann ein innovativ geformtes Kleid mit galaktischem Digitalprint, eine kühle, kraftvolle Mode ohne nostalgisches Retro-Beiwerk, nicht gerade deshalb die optimale Grundoberfläche für den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein, weil etwas, das noch nie da gewesen ist und keinen Trend der Vergangenheit aufgreift, die Trägerin ja auch nicht kategorisieren kann? Was sollte das schließlich für eine Kategorie sein? Wir können ja nicht in die Zukunft schauen, wissen nicht, was eine Frau im Outfit der Zukunft tatsächlich für eine Persönlichkeit ist - weil es diese Art von Frau in der Modewelt bis dato noch nicht gegeben hat. Im Klartext bedeutet das: ein Roboter-Outfit macht mich als Trägerin noch lange nicht zur Erscheinung der willenlosen Maschine des digitalisierten futurums. Viel mehr ist die Frau, die sich traut, in ein vollkommen revolutionäres Outfit zu steigen, eine, die sich nicht in Schubladen stecken lässt. Schubladen, davon haben wir in der Modewelt heute allzu viele - trage ich Blümchen, bin ich romantisch und naiv; ein knallenges Minikleid macht mich zum leichten Mädchen; und im Blazer mit Schulterpolstern nimmt man mich gleich als Rita Leslie's Klonfigur vom "Denver Clan" wahr, oder als Madonna.

Futuristische Kleidung aber macht uns zu den selbstbewussten Amazonen der Zukunft, Frauen, die ihren eigenen Weg gehen und eine eigene Persönlichkeit entwickeln, ohne dafür auf bereits Vorhandenes zurückgreifen zu müssen. Nicht das Kleid macht die Frau, sondern die Frau macht das Kleid - Raum für Individualität erzeugt die Trägerin selbst, nicht das Kleidungsstück. Und ist es nicht faszinierend zu beobachten, dass die Modewelt auch nach Jahrhunderten von Modegeschichte noch immer dazu in der Lage ist, etwas gänzlich Neues, Verblüffendes für uns anspruchsvolle Konsumenten hervorzubringen? Diesen genialen Sinn für Innovation sollte man durchaus zu schätzen wissen. Gerade in der Mode, die doch eigentlich ein Indikator des aktuellen und zukünftigen gesellschaftlichen Zeitgeistes ist, und nicht nostalgisch immer wieder die Highlights der vergangenen Jahrzehnte lauwarm neu-interpretieren sollte. Ich plädiere für mehr futuristische Weltraumtouristinnen auf der Straße! Die dazu passenden Outfits wurden uns in dieser Saison schließlich von den namhaftesten Designern zur Genüge vorgesetzt.

Kommentare :

  1. Wegen solchen Artikeln liebe ich Blogs. Sachen die es so in Zeitschriften nicht zu lesen gibt - Meinung und Wortwitz. Größtmögliches Lob von mir. So viel besser als Blogger, die nur Bilder von sich online stellen und Produkte bewerben, die sie ja ach so toll finden und wofür sie natürlich keinen Cent bekommen.

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  2. Hey Claire,
    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen, hab mich durch die letzten Posts gelesen und bin vollkommen begeistert :) Was du schreibst, ist interessant, sprachlich toll verpackt und weckt Neugierde; und vor allem: Du beherrschst die deutsche Rechtschreibung und Zeichensetzung! :D Hört sich im ersten Moment vielleicht komisch an, aber wirklich - was man da manchmal zu lesen bekommt, ist mitunter einfach nur grauenvoll :-/
    In dem Sinne - mach weiter so,
    liebe Grüße
    Franzi

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  3. Begeisterung & Liebe.
    (Ich hatte in der 2. Klasse mal einen AUftritt als Roboter. Das Kostüm suche ich mal raus, da könnte ich einen topaktuellen Rock draus zaubern.)

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  4. ganz tolle mode! liebste grüße
    u ein schönes we.
    Can I invite you to my GIVEAWAY ???:

    *dogeared heart necklace*

    FASHION-MEETS-ART by Maren Anita

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