Samstag, 9. März 2013

Mailand: Apokalypse mit goldenem Krönchen

Dolce & Gabbana Winter 2013. Bilder: style.com/GoRunway
Mit Italien geht es dieser Tage den Bach hinunter - das haben wir dank sämtlicher Tageszeitungen mittlerweile alle mitbekommen. Die jüngste Meldung verkündet nun zudem ein weniger politisches, dafür nicht minder gruseliges Ereignis, nämlich den möglichen Ausbruch "brennender Felder" in Nachbarschaft des Vesuvs. Mit dem Bachhinuntergehen ist es also nicht getan, nein, Italien droht gleich der Weltuntergang. Ich hab's ja gleich gewusst - bei meinem kurzen Florenz-Ausflug im Januar begegnete mir die sonst so charmante toskanische Hauptstadt mit einer schaurig deprimierenden Tristesse und Schäbigkeit, ausgestorben schienen alle Gassen, ganz so, als hätten sich die Leute schon längst außer Landes geflüchtet.

Nun berichten die großen Tageszeitungen nicht nur alltäglich von Berlusconi's Schabernack, Grillo's Zirkusnummern und weiteren italienischen Katastrophen, nein, auch zum aktuellen Stand der Modewelt haben sie lauter Meldungen parat, und im Falle der Mailänder Fashion Week, die nun schon wieder einige Tage her ist (wie üblich hänge ich vollkommen hinterher, pardon!), schreibt nun zum Beispiel die FAZ, die in der lombardischen Hauptstadt gezeigte Mode spiegele ganz deutlich die nationale Weltuntergangsstimmung wieder.
Auf die prekäre Lage der Staatsfinanzen wisse la moda nur eine Antwort: Drama, soweit das Auge reicht! Also zeigen Dolce & Gabbana königlichen Prunk und goldene Krönchen, Kirchenmosaike auf Keulenärmeln, frivole Spitze in blutigem Rot, und in aller Not ganz abergläubisch die Schutzpatronin Agatha auf dem Handtäschchen. Mamma mia!

Auch bei Bottega Veneta fließt blutrote Farbe, in dramatischen Schlieren erstreckt sie sich über knielange, cremefarbene Kleider mit üppig drapierten Ärmeln, die Kanten ungesäumt, das Haar theatralisch wallend, die Schuhe schwindelerregend hoch. Um den Hals baumelt Signorina ein spiegelndes Amulett, auch hier beruft man sich eventuell auf den Aberglauben, der vielleicht helfen mag.

Bei Fendi wird das Dramatische grotesk: den Staatsbankrott konsequent ignorierend hat Karl Lagerfeld in dieser Saison so viel Pelz wie noch nie verwendet. Alles scheint hier aus Tierhaaren zu bestehen, die voluminösen Mäntel und boxförmigen Pullover, die großen Clutches, die Schuhe mit Zebrafelloptik, die Ohrenwärmer, die Handtaschenbommel, sogar die Irokesenfrisur war mal ein Waschbär. Und eigentlich kann man Fendi diese in ironische Knallfarben gekleidete Dekadenz fast gar nicht übel nehmen - schließlich läuft in Italien momentan sowieso nichts politisch korrekt ab.

Prada's Kollektion aber spiegelt die Lage des Landes wahrscheinlich am Raffiniertesten wieder: mit den feucht geschwitzten Haaren und von der Schulter rutschenden Kleiderärmeln wirken die Models ebenso nachlässig wie verführerisch, und ganz ähnlich ließe sich auch Italien selbst beschreiben. In Sizilien mordet die Mafia, in den charmanten Bergdörfern Liguriens wird vielleicht demnächst das Licht ausgehen, Venedig versinkt und in Rom regiert ein Clown - trotzdem finden wir das Land, zumindest als Reiseziel, noch immer wahnsinnig attraktiv.

Die Mailänder Mode ist, das sei zum Schluss gesagt, in dieser Saison in der Kritik nicht besonders gut weggekommen. Zu viel Pelz, zu viel Kommerz, zu wenig Fortschritt, zu wenig jugendlicher Esprit. Andererseits: wo kommt in diesen Tagen des selbstbewussten Minimalismus und der maskulinen Schnittführung noch ein Modeschöpfer auf die Idee, die Damenwelt mit funkelnden Krönchen zu schmücken? Wenn man uns nicht in Italien das große Drama serviert, wo dann sonst? Nebst all den kantig-puristisch-modernen Kleidern, mit denen unsere Kleiderschränke mittlerweile gefüllt sind, sollten wir der theatralischen Pelzstola dort doch auch noch ein wenig Platz einräumen.

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