Donnerstag, 14. März 2013

Mehr Drama!

Modestrecke "Wie im Kino", VOGUE Deutschland Februar 2013. Bild: Daniele Tango/VOGUE
Noch nie war Lässigkeit so chic wie heute. Unzählige Male habe ich ihn hier selbst gepriesen, den Charme des scheinbar Zufälligen, mal eben Übergeworfenen, mit dem professionelle Modepüppchen offenbar vor allem eines ausdrücken wollen: unverhohlene Coolness. "Ich brauche zehn Minuten, um mich morgens anzuziehen, ich habe wirklich Wichtigeres zu tun, als mir stundenlang Gedanken über meine Garderobe zu machen!" Ach ja, Susie Bubble? Ähnlich wird aber die Antwort vieler modebewusster Leute lauten, die man nach dem Ursprung ihrer so ungezwungen perfekten Outfits fragt. "Ich trag heute alles, was ich im Kleiderschrank so gefunden habe...Alberta Feretti und irgendwas von meinem Sohn", beteuert Instyle-Chefin Annette Weber ganz leichtfertig. Na sicher doch.
Lässigkeit ist der neue Chic, der dramatische Auftritt dagegen verpönt - wenn man gut angezogen ist, dann muss das reiner Zufall sein. Nicht umsonst hat übrigens auch die Sportswear in den letzten Saisons in der Modewelt solch einen Aufschwung erlebt, verbildlichen Turnschuhe zum Proenza-Schouler-Dress doch optimal die Lebenseinstellung der stilsicheren Nonchalance.

An einigen Tagen aber habe ich ein Bedürfnis nach dem großen Auftritt, dem Theater, der Verkleidung. Die Mailänder Designer haben uns Mode für die theatralischen Momente des Lebens serviert, königlichen Prunk, wallende Mähnen, üppigen Pelz - und genau so möchte ich mich gelegentlich kleiden, an Tagen, an denen es mir guttut, die manchmal deprimierend graue Bühne des Alltags ganz dramatisch overdressed zu betreten. Ein gewöhnlicher Arbeitstag kann sich mit feinen High Heels an den Füßen oder schillerndem Schmuck am Hals ganz anders anfühlen als im legeren Büro-Outfit. Viele Menschen werden sich an dieser Stelle auf die Praktikabilität schlichter Kleidung berufen, die Augen verdrehen und sagen, dass sie ihr Leben auch in verbeulten Jeans und ausgelatschten Sneakers schon anstrengend genug finden. Doch was verleiht mehr Energie und Selbstbewusstsein als ein glamouröses Kleid, wallendes Haar, Brillanten zum Frühstück, eine riesige Sonnenbrille an sonnenfreien Wintertagen, flammend roter Lippenstift zum routinierten Einkauf im Supermarkt um die Ecke? Ich persönlich bin ständig overdressed, gehe in hohen Schuhen ins Literaturseminar und im Margiela-Body zum Zahnarzt. Mich fein herauszuputzen fällt mir leichter als der ultralässige Cool-Chic. In Turnschuhen fühle ich mich manchmal klein und dick, in laut klackernden Plateau-Sandaletten hingegen groß, schön und unbesiegbar.

Was ist falsch daran? Mit Arroganz oder Selbstverliebtheit hat dieser Spleen nichts zu tun. Ich will niemanden beeindrucken, täuschen oder provozieren. Wenn ich mich fein anziehe, dann ausschließlich zu meinem eigenen Vergnügen. Und ist der dramatische Auftritt letztlich nicht sogar viel authentischer und ehrlicher als die ach-so-ungezwungene, insgeheim jedoch nicht minder inszenierte modische Lässigkeit?

Zudem vermag uns ein glamouröses Outfit im offensiven Overdressed-Modus in verschiedensten Lebenslagen ein herrliches Gefühl der Unantastbarkeit, Stärke und Attraktivität zu verleihen. Zum Beispiel bei glühendem Herzschmerz - unter keinen Umständen sollte man in derartigen Situationen in Selbstmitleid und Schlabberpulli versinken. Bei mir hat sich in gelegentlich auftretenden Stimmungstiefphasen, in denen ich bloß herumsitzen und alles und jeden schrecklich finden will, meine geliebte Acne-Robe als psychologisches Heilmittel ganz hervorragend bewährt: also greife ich, sobald der Höhepunkt der Trübsinnigkeit erreicht ist, in meine Kleiderschranksektion für Drama-Outfits und schlüpfe in das stahlblaue Seidenkleid. In diesem Aufzug lege ich mich aufs Bett und höre "There goes my heart" von Dinah Washington, bis die Nachbarn klingeln. Herrlich. Jeder Mensch hat da natürlich seine Präferenzen - Holly Golightly favorisiert in melancholischen Momenten zum Beispiel den Besuch bei Tiffany & Co., und auch wenn sie sich dort gerade mal einen silbernen Telefonwähler leisten kann, verleiht ihr schon der bloße Aufenthalt beim Luxusjuwelier ein wohltuendes Gefühl der unantastbaren Sicherheit.

Wer weiß? Vielleicht würden weniger Menschen zum Therapeuten gehen, wenn sie gelegentlich einfach mal vollkommen overdressed, dramatisch glamourös, filmreif elegant gekleidet durch die Gegend liefen. Wie könnte das Leben schrecklich sein, wenn man Tiffany am Hals und Acne am Körper trägt?

Auch der Modefilm von Miu Miu, "The Door", der unter der Regie von Ava Duvernay entstand, huldigt der theatralischen, emotional stimulierenden Wirkung, die Mode bisweilen haben kann: in dem knapp zehn Minuten langen Streifen erholt sich die Protagonistin von einer schweren Trennung - natürlich bestens von ihren Freundinnen umsorgt und einem Kleiderschrank voll herrlicher Miu-Miu-Kleider unterstützt.


Anregungen für mehr Modedrama:
Modestrecke "Wie im Kino", VOGUE Deutschland Februar 2013. Bild: Daniele Tango/VOGUE
Modestrecke "Wie im Kino", VOGUE Deutschland Februar 2013. Bild: Daniele Tango/VOGUE
Modestrecke "Wie im Kino", VOGUE Deutschland Februar 2013. Bild: Daniele Tango/VOGUE
Kleid von & Other Stories
Leuchtend weißes Outfit von & Other Stories

Look von au jour le jour
Ohrringe von Anton Heunis

Sophia Zarindast von Kabutar
High Heels von Isabel Marant, über La Garçonne
Karla von Karla's Closet
Karla von Karla's Closet

Kommentare :

  1. Ach Claire, du bist so wundervoll :D Chapeau für Artikel und Attitüde!

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  2. Das wirklich Dramatische ist doch diese pseudo-coole Streetstyle-Lässigkeit. Dieser Mode fehlen berührende Emotionen. Es regieren plumpes Kalkül und totale Konsumgeilheit gepaart mit Kasperei, Angeberei und Hirnmangel. Im klassischen Drama wären wir kurz vorm fünften Akt - Katastrophe! Oder Läuterung? Ich bin jedenfalls schon mehr als abgestumpft und fühle gar nichts mehr. (Wer letztens die Arte-Doku zur letzten Show von YSL gesehen hat, weiß vielleicht noch besser, was gemeint ist.)

    Braucht es da noch mehr Drama? Aber ja! Luxus tut gut. Nur dabei die Selbstironie wahren. Ungefähr wie Bruce. :-D

    bruce darnell drama baby dramaaa.... - MyVideo

    Alles jedoch nur zum eigenen Vergnügen? Den Punkt kaufe ich Dir nicht ab ;-) Was ist denn ein Drama ohne Bühne?

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  3. Claire, danke für diesen tollen Artikel. Bin erst kürzlich auf deinen Blog gestoßen und begeistert. Übrigens auch von Philipps Kommentaren...beides immer sehr klug und inspirierend! : ) Ihr gebt mir Hoffnung, dass ich mich doch nicht aufgrund großer Gelangweiltheit und großem Widerwillen von diesem ganzen Modekosmos abwenden muss...

    Oh und dieser MiuMiu-Film ist große Klasse!
    Einzig die Isabel-Marant-Heels finde ich schrecklich, aber das geht mir mit allen Marant-Sachen so.

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  4. Schöner Artikel Claire, genau auf den Punkt und heute auch wieder mal sehr meinen Geschmack treffend und Meinung teilend.
    Bezüglich dem Kommentar von der Instyle-Modetante (ich hab's gehört bei "it's fashion" gestern ;-) ) konnte ich nur den Kopf schütteln. Die Antwort wirkte so richtig einstudiert und fake, wie es schlussendlich ja auch die Lässigkeit ihres Auftretens war. Dass bei diesem Modezirkus in Mailand irgendwer auf die Straße geht ohne sich vorher Gedanken über sein Outfit zu machen kann ich mir fast nicht vorstellen.
    Dein Acne-Kleid sind meine neuen Ohringe. Leider vertrage ich die schönen Vintage-Clips nicht einmal, das bisschen Glamour und Wohlgefühl mit Laptop am Bett verleihen sie mir für einen kurzen Augenblick aber doch allemal, und ich genieße es!!!

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  5. wirklich sehr guter Artikel und tolle bilder

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  6. das spricht mir aus der seele. danke.

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  7. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  8. Claire deine Artikel sind immer so treffend und sprechen mir oft aus der Seele. Es macht mir einfach viel zu viel Spaß mich schön dramatisch in Schale zu schmeißen, als das ich mich dem Mode-Diktat cool und lässig, immer unterwerfen könnte.

    Liebe Grüße Jacky
    http://addictettojacky.blogspot.de

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